#10 Eine Abendunterhaltung…

Am ersten milden Abend sitze ich mit meinem Mitbewohner und seinem Freund im Freien. Nach etwas Smalltalk beginnt man sich bei Datteln und Tee über Lebensentwürfe und Pläne zu unterhalten. Die beiden scheinen zufrieden und geerdet mit ihren Beschäftigungen hier in Amman und trotzdem kommt es irgendwann zu der Aussage: „ich möchte vielleicht nach Europa gehen, in die Schweiz, nach Frankreich oder Deutschland.“

Im ersten Moment bin ich verwundert – gilt doch Jordanien als eines der sichersten arabischen Länder und gerade hier in Amman ist der Lebensstil als modern zu bezeichnen – auch der Lebensstandard scheint hier gut zu sein. Im Folgenden bekomme ich erklärt, dass hier für Touristen natürlich alles zeitgemäß gestaltet wird und auch die Wahl des Lebensmodells ist inzwischen tatsächlich ziemlich frei. Dennoch fühlt sich ein junger Mensch, der während seiner Ausbildung Europa kennenlernte eingeengt, wenn er nach Amman zurückkehrt. Er stört sich an traditionellen Rollenbildern, aber auch fehlende Zukunftschancen lassen ihn über eine Auswanderung nachdenken. Dieser Freund – mein Jahrgang, ausgebildeter Koch – würde in Europa natürlich nicht als Asylflüchtling angenommen werden. Bezogen auf seine berufliche Zukunft würde Ihm wahrscheinlich das Prädikat „Wirtschaftsflüchtling“ zugedacht werden, aber das Weggehen aus der Heimat dürfte in den wenigsten Fällen einzig und allein aus finanziellen Gründen geschehen.

Ich denke wir sollten anerkennen und auch stolz darauf sein, dass Menschen aus räumlich und kulturell fernen Ländern unsere Heimat als lebenswert empfinden. Wie viel besser muss ihm eine Zukunft ein Europa erscheinen, wenn er dafür bereit ist seinen gewohnten Kulturkreis hinter sich zu lassen. Auch wenn Amman den Zahlungskräftigen einen guten bis sehr guten Lebensstandard bieten kann – es geht eben um mehr als den Restaurantbesuch und das eigene Auto.

Nicht repräsentativ? ein Einzelschicksal? Wenn dann alle kommen wollen?

Richtig, richtig, falsch! Nie werden alle kommen wollen, dafür sind Menschen viel zu verschieden in ihrer Bereitschaft zur Veränderung.

Warum haben wir Angst davor mit Leuten zu teilen? Weil sie einen anderen Glauben haben, oder weil wir nicht gerne teilen? Gegenfrage: Wer von uns „glaubt“ denn noch?

In diesem Sinne: lasst uns das Wort „Wirtschaftsflüchtlinge“ gedanklich streichen! Ein Teil der Menschheit ist schon immer in die Ferne gezogen – hauptsächlich auf der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung.

Salām