Nach einer längeren Sendepause meinerseits stelle ich heute wieder einen text-lastigen Artikel online. Kurzfristig bekam ich die Möglichkeit an einer Konferenz unter dem Titel „Umwelt und Wasser aus Sicht der Scharia“ teilzunehmen. Wobei sich mein „Teilnehmen“ hier eher auf ein „gespanntes Zuhören“ beschränkte, da mir hier sowohl fachliche wie sprachliche Fähigkeiten fehlten den Diskussionen etwas beizusteuern. Glücklicherweise wurden alle arabischen Redebeiträge simultan ins Deutsche übersetzt, welches ich dann über rauschende Kopfhörern genießen konnte.

Zunächst mögen bei einem Mitteleuropäer die ersten Alarmglocken läuten, wenn das Wort „Scharia“ im Konferenztitel auftaucht. Hier konnte ich mich zuallererst damit beruhigen, dass es an der Jordanischen Universität in Amman ganz offiziell eine Fakultät für „Scharia-Fragen“ gibt. Zu gut Deutsch beschäftigen sich diese Wissenschaftler mit den gesetzlichen Auslegungen der islamisch-religiösen Texte für das tägliche Leben. Ein relativ moderner Lebensalltag, wie in Jordanien, hat zur Folge, dass diese Auslegungen regelmäßig neu interpretiert werden müssen, um mit dem Lauf der Dinge Schritt zu halten. Das mag für unsere Ohren merkwürdig klingen, aber in einer Gesellschaft, welche auch ihre alltäglichen Handlungen an religiösen Vorgaben und Traditionen ausrichtet, erscheint das zumindest subjektiv sinnvoll. Auch lernte ich, dass die Scharia keineswegs als reines Gesetzeswerk zu verstehen ist, sondern in vieler Hinsicht auch als moralische und ethische Anleitung.
Mein Interesse an dieser Konferenz galt natürlich dem Bezug zum Thema Umweltschutz und Wasser. Zusammen mit Islamwissenschaftlern der Universität Münster trugen zahlreiche Redner interessante Standpunkte und Konzepte vor, wie religiöse Texte und deren Weiterverarbeitung helfen könnten einer breiten Bevölkerung den Umweltschutz und verantwortungsvollen Umgang mit Wasser nahezubringen. Den technisch-naturwissenschaftlichen Ausführungen konnte ich noch begeistert folgen. Dass Jordanien das zweitärmste Land in Bezug auf Wasser ist war schon keine Neuigkeit mehr, aber zusammen mit der Bevölkerungsentwicklung, den Flüchtlingsbewegungen und den absehbaren Folgen des Klimawandels skizzierte sich hier aufs Neue ein verheerendes Bild. Ein emotional erfasster Redner ließ den Saal zum Abschluss seines Vortrages mit drohend-flehender Stimme wissen: „we need to solve this crisis – we need a Marshall Plan“. Sinngemäß wurde angefügt, dass Jordanien, während es über 2 Mio. Flüchtlinge beherbergt, nur etwa 2% des Budgets von Deutschland zur Verfügung hat – davon aber noch etwa die Hälfte in Militärausgaben stecken muss.
Den folgenden religionstheoretischen Diskussionen war ich weniger gewachsen, obwohl es hier ebenso interessant zu sehen war, dass auch unter den gebildeten islamischen Denkern keineswegs Einigkeit über die Aussagekraft heiliger Texte für aktuelle Umweltprobleme herrscht. Für mich bleibt nach diesen zwei Tagen als Fazit, dass in einem sozialen Umfeld, in welchem der Glaube noch weiter als bei uns in das Alltagsleben hinreicht, die Macht religiöser Regeln und Gebot enorm ist. Natürlich lässt sich dieser Fakt auch auf alle negativen Aspekte einer Religion übertragen, aber eben auch auf die aktuellen und wichtigen Ziele des Umweltschutzes. Man sollte dabei beachten, dass viele Verhaltensregeln der religiösen Schriften zum Beispiel die Vorläufer moderner Hygiene-Regeln sind, oder praktische Vorgaben zum Wassersparen darstellen.
Der insgesamt sehr liberal geführte Diskurs beinhaltete auch folgende Anekdote, welche ich nicht unterschlagen möchte. Ein Redner hatte über die Anforderungen an die jordanische Zivilgesellschaft gesprochen hatte, den Umweltschutz auch aus humanitärer Sicht zu begreifen und nicht nur aus religiösen Beweggründen zu handeln. Er merkte jedoch ebenso an, dass es zynisch von westlichen Nationen als Hauptverursacher des Klimawandels sei, jetzt die betroffenen Länder mit den Aufgaben der Klimawandelanpassung weitgehend alleine zu lassen und auf humanistische Werte zu verweisen, während die USA im Namen der Humanität Syrien bombardiert und damit zur weiteren Verschlechterung der sozialen Lage in der Region führt.
Wenige Details dieser Konferenz werden entscheidenden Einfluss auf meine Masterarbeit haben, aber für mich war es wichtig auch diesen Teil der sozialen Situation zu erfassen, um einige Situationen und Beweggründe im späteren Verlauf besser einordnen zu können. Daher bin ich dankbar, dass mich der Zufall in diese Konferenz führte, wo ich doch genau weiß, dass ich zu Hause kaum einer theologischen Konferenz über Umweltproblematiken beigewohnt hätte.
Nebenbei sei angemerkt, dass der Campus der Jordanischen Universität die grünste und freundlichste Gegend war, welche ich bisher in der Stadt gefunden habe (siehe Foto).
Salām
