GR11 – Wer? Wie? Was? (Teil I)

In den kommenden Tagen werde ich hier eine längere Lektüre zu meiner Wanderung durch die Pyrenäen veröffentlichen. Heute beginnend mit dem ersten Teil, werden in der nächsten Woche 3 weitere Teile, gespickt mit reichlich fotografischen Eindrücken folgen…

Irgendwo zwischen dem Naturerlebnis, der sportlichen Herausforderung und dem Gefallen an allem Wilden fand ich die Inspiration für eine Durchwanderung der Pyrenäen. Weniges, vielleicht auch nichts, erschien mir im Sommer meines letzten Studienjahres sinnvoller, als meine Laufschuhe auf ihre Dauerhaltbarkeit zu testen. Auf dem spanischen Fernwanderweg GR11 wollten mein katalanischer Mitstreiter und ich unsere Durchhaltefähigkeit, und eben auch unsere Schuhsohlen, einer ausgiebigen Prüfung unterziehen. Getroffen hatten wir uns bisher nur einmal, ein Jahr zuvor für eine Woche auf Kamtschatka und dass wir für eine Fernwanderung ein gutes Team abgeben könnten, war mehr Vermutung als Gewissheit. Trotz dürftiger Absprachen, welche auf der Basis: „du Zelt, ich Kocher“ stattfanden, hätte man uns ausrüstungstechnisch für Brüder halten können, wären da nicht spanisches Blut und Weißbrot-Teint aufeinandergeprallt. Ohne genauen Etappenplan, lediglich über die Lust am Wandern vereint, standen wir daher Ende August in Hondarribia, einer Küstenstadt im nördlichen Baskenland, Grenzstadt zu Frankreich und direkt an den östlichen Ausläufern der Pyrenäen gelegen. An unseren Füßen trugen wir profilierte Laufschuhe und auf dem Rücken jeweils einen Rucksack, dessen Inhalt für ein Gewicht von etwa 12kg auf das Wesentliche reduziert worden war. So suchten wir im Halbdunkel unseren ersten Campingplatz unterhalb des Leuchtturms am Cabo Higuer, welcher am nächsten Morgen den Startpunkt unserer Unternehmung markieren sollte.

Startpunkt am Cabo Higuer
Promenade in Hondarribia

Für alle Unkundigen möchte ich natürlich kurz erklären, was die kryptische Abkürzung GR11 bedeutet. Im Netz der europäischen Fernwanderwege (franz.: Grand Randonnée/ span.: Gran Recorrido) gibt es, ganz deutsch, eine sorgfältige Nummerierung der einzelnen Wege. In den Pyrenäen ziehen nun gleich zwei davon in West-Ost-Richtung entlang des spanisch-französischen Grenzverlaufs. Der GR10 erschließt die nördliche (also französische) und der GR11 die südliche (demnach spanische) Längsseite des Gebirges. Genau genommen hielten die Pyrenäen sogar noch den HRP (Haute route pyrénéenne) als verschärfte Form der beiden anderen Wege bereit. Diese Fernwanderwege werden manchmal auch unter dem Begriff „Transpirenaica“ (siehe Titel) erwähnt. Da der HRP, welcher dem Hauptkamm der Pyrenäen folgt, nicht durchgehend markiert ist und für viele Etappen sehr gutes Wetter voraussetzt, begnügten wir uns mit der spanischen Variante. Da mein Mitstreiter aus Barcelona stammt und gerne in Richtung Heimat laufen wollte war auch die Begehungsrichtung schnell ausgemacht. Später wurde klar, dass sich diese Tatsache auch deutlich besser mit meinem Rother Wanderführer vertrug, in dem ich sonst alle Seiten rückwärts hätte lesen müssen.

Am Starttag begrüßte uns ein angemessener Sonnenaufgang über dem Atlantik. Unter der steigenden Sonne, welche wir auf den ersten Etappen nicht mehr oft in dieser Kraft erleben sollten, suchten wir unseren Weg durch die Hafenstädte Hondarribia und Irun. Nach etwa zehn Kilometern verließen wir dann dicht besiedeltes Gebiet und betraten das hügelige Hinterland. Über Feld und Wanderwege durchquert man auf den Anfangsetappen das vielfältige Grün der Provinzen Baskenland und Navarra und stößt dabei immer wieder auf kleinere Ortschaften. Meistens findet sich in diesem Gebiet täglich ein kleiner Supermarkt oder Kiosk, der das Auffüllen der Vorräte erlaubt. Laut Rother Wanderführer sind die ersten beiden Etappen mit 30km Länge kein Nachmittagsspaziergang, summieren sich doch durch das ständige Auf und Ab jeweils rund 1000 Höhenmeter. Am Ende des ersten Tages sitzen wir einen Starkregen im Zielort Bera de Bidasoa aus und entgehen auch dem Nachtregen, indem wir unter einem Vordach nächtigem.

Landstreicher-Unterkunft in Bera de Bidasoa

Ansprüche stellen die Wege des GR11 hauptsächlich an die Ausdauer. Nur einzelne Etappen erfordern etwas alpine Erfahrung, was durch Rest- oder Neuschneevorkommen natürlich deutlich komplizierter werden kann. Aber Neuschnee im September – in den Pyrenäen – hielt ich ja wirklich für vollkommen ausgeschlossen. Zu diesem Trugschluss später mehr… Wetterabhängig sollte man sich auch auf das eigene Orientierungsvermögen und den Regenschutz der Ausrüstung verlassen können. Wie erwähnt hatten wir versucht unsere Rucksäcke zu optimieren, soweit es eine knapp 4-wöchige Wanderung eben zulässt. Zu meinem Lieblings-Ausrüstungsgegenstand dieser Reise entwickelte sich das Zelt, welches mit etwa 1.5kg Gewicht trotzdem eine herrschaftliche Unterkunft für ermüdete Wanderer bot. Meine verkürzte Isomatte (125cm) war dagegen nicht meine beste Entscheidung und dieses Leichtobjekt der Begierde wird mich wohl in Zukunft nur noch auf kürzere Touren begleiten. Der Daunenschlafsack wiederum erfreute mich bei jedem Hineinkriechen immer sehr. Des Weiteren fanden in meinem Rucksack Platz: 2 Shirts kurz, 2 Shirts lang 2 Shorts kurz, 2 lange Hosen, 4 Paar Socken u. 4 Unterhosen, 1 Pullover, 1 leichte Windjacke, 1 Regenjacke sowie Mütze, Handschuh und Buff. Ein Mini-Waschzeug (mit abgesägter Zahnbürste!), Göffel und Taschenmesser, ein Faltbecher, ein 1-Liter-Kochtopf mit Deckel und zu guter Letzt waren auch 1 Paar Flip-Flops dabei. Den Kocher trug Eric und die stark schwankende Menge an Lebensmitteln wurde immer nach dem „Wo-Ist-Noch-Platz-Prinzip“ aufgeteilt. Für uns beide sollte diese Pyrenäen-Traverse die erste wirklich lange Wanderung mit kompletter Zelt-Ausrüstung werden, aber die bisherigen Erfahrungen im Rucksackpacken waren offensichtlich ausreichend. Beide konnten wir am Ende keinen nennenswerten Gegenstand feststellen, welchen wir umsonst durch die Berge getragen hätten. Auch bei der restlichen Planung – das kann ich nun im Nachgang beurteilen – unterliefen uns keine haarsträubenden Fehler. Wie auch sonst hätte es uns gelingen sollen alle geplanten Etappen ohne Pausentage oder Ausfälle zu absolvieren und gelegentlich gar zu übererfüllen.

Elizondo

Nachdem wir am zweiten Tag, auf dem Weg nach Elizondo, bereits das Baskenland verlassen haben überschreiten wir in Navarra das erste Mal die 1000m-Marke und verlängern den dritten Tag auch noch um etwa 8km. Das geplante Etappenende bei den Bunkeranlagen um Puerto de Urkiaga erscheint uns als Zeltplatz weniger angenehm, als eine Wiese nahe der Albergue de Sorogain. Der kommende Tag erfordert im dichten Nebel die erste Navigationsleistung per Smartphone-GPS. In einer surrealen Nebelwelt überqueren wir einen Höhenzug direkt entlang der spanisch-französischen Grenze und laufen erstmal durchfroren in Auritz ein. Dort verschafft der Eingangsbereich des örtliche Supermarkts Erwärmung und wird zum Mittags-Treffpunkt einiger Wanderer. Später am Tag können wir wieder die Sonne genießen und eine Turnhallen-Übernachtung in Hiriberri rundet den Tag ab. In zwei weiteren Tage wandern wir von den Steilwänden der Sierra de Abodi über Ochagavía (mit Campingplatz) nach Iszaba. Etwas oberhalb von Iszaba kündigt sich die kommende Abgeschiedenheit der Hochpyrenäen bereits an, als wir am Abend einen tiefschwarzen Sternenhimmel genießen können. Mit unserer siebten Etappe werden wir nicht nur die Grenze von Navarra zu Aragonien überschreiten, sondern auch die Welt des Hochgebirges betreten.

im Zauberwald

nahe der Albergue Sorogain
Aufwärmen in Orbara

Sonnenaufgangsstimmung im Belabarze-Tal

Die Fortsetzung erscheint im neuen Jahr – rutscht gut rein!

3 Kommentare zu „GR11 – Wer? Wie? Was? (Teil I)“

  1. […] Fortsetzung zum Bericht meiner Pyrenäen-Wanderung – heute Teil 2… (Teil 1 hier) […]

  2. […] dritte von vier Teilen meines Reisberichts vom Pyrenäen-Fernwanderweg GR11: > Teil 1 > Teil […]