Fortsetzung zum Bericht meiner Pyrenäen-Wanderung – heute Teil 2… (Teil 1 hier)
Im Laufe einer solchen Etappenwanderung wie dem GR11 kann man sich viel erzählen, aber entspannender Weise ist es auch überhaupt kein Problem, sich längere Zeit anzuschweigen. Nach wenigen Tagen bemerke ich zuverlässig das Tagestief meines Mitstreiters und kann mich entscheiden, ob in Ruhe lassen oder eine unterhaltsame Geschichte zum Besten zu geben die bessere Option ist. Ein Thema, welches immer geht ist die aktuelle, morgige, übermorgige oder sonst irgendeine Etappe, die uns bevorsteht. Für zwei Karten-Narren wie Eric und mich ist das ein unermüdliches Diskussionsfeld. Auch wenn das Büchlein die Etappen sinnvoll vorgibt, so sind wir doch immer auf der Suche nach geeigneten ‚Zeltplätzen‘ und planen die Etappen nach erreichbaren Lebensmittelgeschäften. Hier und da versuchen wir die vorgegebenen Etappen zu verlängern. In der zweiten Woche erarbeiten wir uns auf diese Weise innerhalb von drei Tagen vier Hochgebirgsetappen. Auch die morgendlichen und abendlichen Rituale werden mit jedem Tag routinierter. Eintönige Mahlzeiten wie Couscous oder Nudeln mit Tomatensoße helfen dabei einen effizienten Kochablauf zu entwickeln. Jeder Handgriff sitzt, wenn der Brühwürfel ins Wasser gebröselt werden muss, oder in Vierhand-Arbeit die Tomatensoße im ohnehin schon randvollen Topf zu verrühren ist. Genauso gelingt das Rucksackpacken immer schneller und mit der Zeit wissen wir beide nicht nur über die Vorräte im eigenen Rucksack Bescheid. Es sei denn ein größerer Supermarkt stellt sich uns in den Weg. Dann kann das Neu-Beladen der Rucksäcke schon mal aufwendiger ausfallen. Mit Beginn der zweiten Woche wird auch deren Kapazität aufs Neue getestet, da die Hochgebirgsetappen eine längere Vorratsplanung notwendig machen.


Mit dem Übertritt in die Provinz Aragonien/Aragon erreichen wir die Hochpyrenäen. Ein Nationalpark und viele tausend Höhenmeter erwarten uns hier – und wir freuen uns darauf! Zum Ende der ersten Wanderwoche erreichen wir das imposante Hochtal der Aguas Tuertas. Eindrucksvolle Flussmäander ziehen sich das flach ansteigende Tal hinauf, durch eines der niederschlagsreichsten Gebiete des Gebirges. Wir passieren die zahlreichen Bergseen und folgen dank Smartphone-Karten einer alten (kürzeren) Wegführung, welche inzwischen nicht mehr markiert ist. Da der im Skiort Candanchú verzeichnete Supermarkt inzwischen geschlossen, ist freuen wir uns erstmals über unser Minimum an Ersatzvorräten. Wir setzen unsere Wanderung unerschrocken fort und erreichen an diesem 8. Wandertag fast noch Sallent de Gallego, was uns wieder in die Nähe einer größeren Ansiedlung mit Einkaufsmöglichkeiten bringt. Auf dem Weiterweg in Richtung Baños de Panticosa stellt sich uns der erste wirklich alpine Pass entgegen. Wir überqueren den Cuello del Infierno (zu Deutsch: Höllenpass) erst am späteren Nachmittag und genießen die letzten warm-roten Sonnenstrahlen, bevor wir später beim Zeltaufbau auf 2000m Höhe gehörig zu frieren beginnen. Hinter dem mondän verbauten Kurort Panticosa geht es wieder steil bergauf. Ein weiterer Pass führt uns in das lange Tal des Rio Ara, welches uns vorbei am Refugi Bujaruelo zum gleichnamigen Campingplatz führt. Von hier aus betreten wir am Folgetag den imposanten Canyon des Nationalparks Ordessa y Monte Perdido. Hohe Kalksteinwände und gut besuchte Wasserfälle begleiten uns hinauf zum Refugi Góriz und weiter ins dahinterliegende Tal zum selbstgewählten Zeltplatz. Ein durchwachsener Wetterbericht und sinkende Temperaturen begleiten uns aber ebenso durch diese wunderbare Landschaft, nur ganz ernst genommen hatten wir diesen nicht. Nach einer ziemlichen frischen Nacht und einem verregneten Morgen mit Frühstück im Zelt entscheiden wir uns, den Col de Anisclo in Augenschein zu nehmen. Nur etwa 100 Höhenmeter oberhalb unserer Schlafplatzes geht der Regen in Schnee über und wir ahnen in welchem Bereich die Nachttemperaturen lagen. Im Schneegestöber überqueren wir den Pass und fallen anschließend förmlich ins Tal. Nicht nur, dass wir die steigenden Temperaturen befürworten, auch die Topographie ist an dieser Stelle beachtlich. Zum Refugi Pineta führt uns ein steiler Pfad mehr als 1200 Höhenmeter hinab ins Tal und legt dabei gerade einmal 3km Wegstrecke zurück. Das genügt uns freilich noch nicht und wir steigen weiter zur Nothütte Refugi Estiva, wo uns die lauteste aller Nächte bevorsteht. Der Wind tobt, gepaart mit Regen, die ganze Nacht hindurch und ein lockeres Dachblech raubt uns Schlaf und Nerven. Umso erholsamer ist der kommende Tag mit einfachen Wegen, welche uns zu einem wirklich reichhaltigen Supermarkt-Angebot führen. Im Sonnenschein und bei 25-30°C gibt es Sandwiches, Cola und Kuchen und beinah eine Magenverstimmung durch übermäßige Kalorienaufnahme.



Je länger die Wanderung andauert, umso wichtiger wird das Thema Essen für uns. In den ersten Tagen kann man, ähnlich einer Tagestour, schon mal mit einem kleineren Abendessen auskommen, aber auf Dauer muss der Nachschub natürlich gesichert sein. Da sowohl Eric wie auch ich schon zu Beginn unserer Tour mit unserem „Wettkampfgewicht“ starten (so spricht der Ausdauersportler in mir…), gibt es im weiteren Verlauf auch keinen nennenswerten Spielraum für eingeplanten Gewichtsverlust. Andererseits ist unsere Bereitschaft Essen mit uns herum zu tragen genauso gering, wie unser Hunger am Abend groß ist. Das bedeutet, dass wir besonders auf den Campingplätzen oder bei Supermärkten essen was in uns hineinpasst – auf Vorrat sozusagen. Das uns dabei nie schlecht wurde, lässt sich wohl auch nur mit Glück, Geiz oder dem eisernen Willen zur erfolgreichen Verdauung erklären. Ebenfalls interessant zu beobachten war, wie der Appetit mit sinkenden Temperaturen exponentiell anstieg und bei schlechtem Wetter die Laune umso mehr von der aktuellen Schokoladenverfügbarkeit abhing.


Eine weitere Gelegenheit diesen Zusammenhang zu studieren, bot sich uns auf den weiteren Etappen durch den katalanischen Nationalpark Aiguas Tortas. Zuvor führten uns noch zwei wunderschöne Etappen zuerst zum Camp Aneto und später durch den Naturpark Posets-Maladeta. Auch ein kurzes Bad im Bergsee auf 2400 Metern über Null war uns in diesen Tagen noch einmal vergönnt. Mit leichter Überraschung registrierte ich aber auch zum ersten Mal, dass wir Mitte September an einigen Hütten und Zeltplätzen mit dem Saisonende um die Wette liefen. Nach einer Übernachtung nahe dem Refugi Conangles und damit direkt an der Grenze zu Katalonien, betraten wir den zweiten großen Nationalpark der Pyrenäen (Aigüestortes i Estany de Sant Mauri). Nach einem Aufstieg mit spätsommerlicher Sonnenaufgangsstimmung hüllte sich unser Weiterweg von nun an in dichten Nebel, später begleitet von Regen und wieder einmal fallenden Temperaturen. Die Hüttenübernachtung im Refugi Colomers war dank persönlicher Kontakte daher ein absoluter Glücksfall, auch weil wir den vorletzten Tag vor dem Saisonende erwischten. Der nächste Morgen bescherte uns gute 20cm nassen Neuschnee, welcher in Kombination mit Nebel ein abenteuerliches Navigieren über den bevorstehenden Pass versprach. Wir meisterten auch diesen Weg und trotz fehlender Ausblicke und klamm-kalter Füße empfand ich das durchwanderte Gebiet als einzigartig. Vielleicht blieb es mir auch gerade deshalb etwas mystisch in Erinnerung. Für dieses Erlebnis belohnten wir uns in Espot mit einer Pizza und Radler, was zugleich auch Erics Abschiedsessen vom GR11 darstellte. Leider begannen seine universitären Verpflichtungen eher als meine und so kehrte er nach 17 wunderbaren Wandertagen nach Barcelona zurück. Für mich bedeutete diese Situation hingegen ab jetzt als Solist unterwegs zu sein. Ich war zu diesem Zeitpunkt topfit und hochmotiviert soweit wie möglich in Richtung Mittelmeer zu laufen, wenngleich ich angesichts der fehlenden Begleitung nun eine diffuse Aufgeregtheit verspürte.









2 Kommentare zu „GR11: Schnee in den Hochpyrenäen (Teil II)“
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