Der dritte von vier Teilen meines Reisberichts vom Pyrenäen-Fernwanderweg GR11:
> Teil 1
> Teil 2
Schon während der letzten gemeinsamen Wandertage hatte ich immer wieder das Etappenbuch studiert und die restlichen Tage im Kopf geplant – dabei waren mir Erics regionale Kenntnisse von enormer Hilfe. Mit Beginn meiner Solowanderung blieben mir genau 10 Tage bis zum festgesetzten Zieldatum und genau doppelt so viele Etappen sah der Rother Wanderführer für den letzten Abschnitt vor. Zumindest theoretisch war also das Erreichen des Mittelmeeres möglich, wenn ich von nun an jeden Tag zwei Etappen zurücklegen könnte. Gewiss war das nicht, da mir ja immer noch drei hochalpine Pässe bevorstanden und der zeitige erste Schnee die Überquerungen unsicher machte. Auch wusste ich, dass ich als Alleinwanderer im Zweifelsfall bei kritischen Bedingungen eher umdrehen müsste, als im Zweier-Team. Die relativ menschenleeren Wanderwege der Pyrenäen kommen noch keiner absoluten Einöde gleich, aber reichlich Gegenden ohne Handyempfang passierte ich dennoch. Mir war somit bewusst, dass ich die kommenden 20 Etappen nicht nur physisch bewältigen musste (dazu war ich theoretisch ziemlich sicher in der Lage), sondern auch, dass ich immer eine gewisse Sicherheitsreserve einplanen sollte und das Wetter passen musste. Ein kleiner Vorteil des alleine Wanderns ist unbestritten, dass man zügiger vorwärtskommt, da man weniger Pausen macht und diese meist kürzer ausfallen.


Wie begegnete ich also dem Kribbeln des alleine Weiterziehens und dem Reiz der vor mir liegenden Etappen? Ich setzte die Spannung in Motivationsenergie um und lief am ersten Tag meiner Solo-Wanderung gleich 3 vollständige Etappen des Wanderführers ab. Vom Campingplatz in La Guingueta d’Àneu wanderte ich durch mittelhohe Gebirgslagen nach Estaon und weiter nach Tavascan, was zwei Etappen entsprach. Inzwischen hatte leichter Nieselregen eingesetzt, aber es war zeitig am Tag und ich entschied eine weitere Etappe anzuhängen. Die Überquerung des Bergrückens nach Àreu endet zwar wieder unerwartet im Schneegestöber, aber im Rückblick verdient dieser Tag wohl das Prädikat „sportlichste Tagesleistung der gesamten Tour“. Nach 42km Wegstrecke hatte ich drei Pässe überquert und mehr als 3300 Höhenmeter im Aufstieg zurückgelegt und all das in weniger als 10 Stunden. Obwohl ich es zu diesem Zeitpunkt nicht wusste und mich objektiv gesehen zur Mäßigung hätte ermahnen müssen, ermöglichte mir nur diese Mammutetappe ein fristgerechtes Ankommen. Auch am nächsten Tag profitierte ich von der Vorarbeit, da ich die riskanteste (weil verschneite) Etappe des gesamten GR11 bereits am Vormittag absolvieren konnte. Die Überquerung des Portella de Baiau hinein in den Zwergen-Staat Andorra verlangte das Aufsteigen durch eine Rinne lockeren Gesteins. Normalerweise ist das für mich bekannter Untergrund, aber die Schneeauflage und die bereits abgelaufenen Sportschuhe sorgten für mehr (An)Spannung als nötig. Zu Unrecht wie sich herausstellte und so erreichte ich die Ortschaft Arans am späten Abend und labte mich an meiner Supermarktbeute.


Mehrmals habe ich nun schon vom Schnee berichtet, wie er uns überraschte, dass Neuschnee die Navigation erschwerte und das Risiko etwas erhöhte. Ich frage mich selbst immer noch, ob es sinnvollerweise zum Risikomanagement gehört hätte, Schneefall in Betracht zu ziehen. Kleine Schneereste sind im alpinen Bereich natürlich einzuplanen, aber mehrmalige Schneefällen vor Mitte September waren wohl auch für Pyrenäen-Kenner nicht unbedingt realistisch. Insgesamt bin ich an deutlich mehr Tagen in T-Shirt und Shorts unterwegs gewesen, als mit langer Bekleidung. Dennoch traf mich Erics Aussage „ich hätte die Pyrenäen unterschätzt“ wohl an einem wunden Punkt. In der Tat hatte ich durchschnittlich wärmere Temperaturen erwartet und letztendlich nur widerwillig – aber vollkommen zurecht – meinen dickeren Schlafsack eingepackt. Ich will mich damit aus der Affäre ziehen, dass ich vielleicht nicht die Pyrenäen selbst, aber die Jahreszeit unterschätzt hatte. So war ich ohne eingehende Recherche davon ausgegangen einen Monat länger als in den Alpen einplanen zu können. Als Resultat hatte ich also während der Gebirgsetappen manchmal fast alle Oberbekleidungsschichten an, die mein Rucksack hergab. Und auch nachts brachten meistens nur mehrere Kleidungslagen samt Mütze und Socken erholsamen Schlaf. Trotz, dass ich den Temperaturen erfolgreich die Stirne bieten konnte, bleibt die Überlegung, dass etwas mehr Schnee oder ein etwas anderes Timing das Ende der Tour bedeutet hätten. Ich habe mächtiges Glück mit dem Wetter gehabt und zur Belohnung der überstandenen Hochgebirgstemperaturen blieb es auf den letzten flacheren Etappen in Katalonien komplett trocken und eine angenehme Wärme begleitete mich in Richtung Mittelmeer.



Nachdem ich zwei Tage in Andorra gewandert war, betrat ich über den Coll de l’Illa zum zweiten Mal katalonisches Gebiet. Noch am selben Tag ging es hinunter bis auf 1100m zur Stadt Puigcerdà, welche im weiten, ebenen Cerdanya-Tal liegt. Nun folgte wieder ein langer Tag seichten dahin Wanderns (42km). Auf diesen technisch wenig anspruchsvollen Etappen war ausreichend Zeit den eigenen Gedanken nachzuhängen und in sich rein zu horchen, was der Körper hier und da mit einem ermüdeten Zwicken quittierte. Ausfallerscheinungen galt es jedoch um jeden Preis zu vermeiden und so war ich froh das Pferde, Kühe und andere Tiere mich hin und wieder zur Konzentration aufriefen. Einmal hatte ich Not auf einem schmalen Forstweg einen freilaufenden Ochsen zu umgehen und krabbelte wild durch das Unterholz – der Weg gehörte jedenfalls dem Tier. Ein weiterer Trick um mich selbst auf langen Etappen bei Laune zu halten war, dass ich die erste richtige Mittagspause extrem weit in die zweite Tageshälfte verschob. Auf diese Weise motivierte ich mich vormittags damit, dass jeder zurückgelegte Meter nach dem Mittag nicht mehr zu absolvieren sei, was viel banaler klingt als es ist. An den Nachmittagen waren dann die geringen Restrecken, der bessere Motivator. Von einer hochliegenden Jugendherberge beim Santuari de Núria, dem wichtigsten katholischen Heiligtum in Katalonien, startete ich zu meinem letzten hochalpinen Tag. Ich erreichte zum ersten Mal seit Beginn der Tour die 2.800m Marke und bestieg dabei sogar noch einen kleinen Gipfel, den Pic Inferior de la Vaca (2819m). Mit einem perfekten Panoramablick verabschiedete ich mich aus den Hochpyrenäen und stieg auf dieser Tagesetappe noch über 3000 Höhenmeter abwärts, bis ich das Dorf Beget erreichte. Ob es dem Spannungsabfall nach dem Hochgebirge oder den vielen Abstiegsmetern geschuldet war weiß ich bis heute nicht, aber mein „gesunder“ Fuß zickte nach diesem Tag etwas herum. Zu meinem Glück trat so etwas erst jetzt auf, denn so konnte ich am kommenden Tag auf einfachen und vergleichsweise flachen Wegen meine persönliche Erholungsetappe (32km!) laufen. Ein flink zurechtgeschnitzter Wanderstock half beim Entlasten.


Nach einer Übernachtung im verschlafenen Ort Albanyà und einer morgendlichen Retour zu meiner vergessenen Regenjacke begab ich mich endgültig in mediterrane Landschaften. Korkeichenwälder und andere typische Gewächse waren schön anzusehen und die Temperaturen angenehm, aber die Wege wurden immer staubiger und vermehrt folgt der GR11 hier abschnittsweise Asphaltstraßen. Nun kam mir meine vorweggenommene Etappe zu Nutze, so konnte ich einen unsympathisch wirkenden 50km-Abschnitt einmal mehr aufteilen. Über La Vajol lief ich bis La Jonquera, wo ich ein letztes Mal im Freien übernachtete. Mein Zelt hatte ich Eric mit nach Barcelona gegeben um auf meinen letzten Etappen weitere 2kg an Gewicht einzusparen. Vor und nach La Jonquera suchte ich mir folglich günstige Unterkünfte in Hütten, Jugendherbergen oder einfachen Pensionen zu bezahlbaren Preisen zwischen 17 und 35€. Auf meinem Weiterweg durch das hügelige Hinterland des Mittelmeeres passierte ich Jagdgesellschaften, zahllose Bauernhöfe und auch ein uriges Technofestival am Waldrand. Letztlich erschreckte ich auch hier noch Wildschweine und sie mich. Beginnend von La Jonquera stand mir die längste Tagesetappe bevor. Im Laufe der 46km passierte ich mit Requesens, Els Vilars und Mas Pils fast ausgestorbene Dörfer…


Nachdem ich auf langweiligem Asphalt schnell vorangekommen bin, entschließe ich mich noch einen kleinen Teil der vorletzten Etappe dran zu hängen, um mir den letzten Tag zu verkürzen. Auf diese Weise erreiche ich abends noch den Küstenort Llancà, nachdem ich Vilamaniscle passiert habe. Die lange Etappe steckt mir abends wirklich in den Knochen und ich leere meine Nudelvorräte und mehrere Dosen Fanta um mich auf den letzten Tag vorzubereiten. Das Meer habe ich also schon mal gesehen, wirklich erreicht habe ich es aber noch nicht.




Eine Antwort zu „GR11: weiter als Solist (Teil III)“
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