GR11: Ein unwirkliches Ende (Teil IV)

Zum Wochenende könnt ihr nun den letzten Teil des Berichts zu meiner Pyrenäen-Tour lesen. Dieser Beitrag ist nocheinmal gespickt mit Bilder der gesamten Tour, welche mir persönlich besonders in Erinnerung geblieben sind. Außerdem gibt es ganz am Ende noch meinen detaillierten Etappenplan. Die ersten drei Teile des Berichts findet ihr hier:

> Teil 1  > Teil 2  > Teil 3

Man sollte meinen der letzte Tag läuft von selbst, aber da ich auch meine Abschlussetappe unterschätzt habe, wird das Stehvermögen ein letztes Mal getestet. Der Kopf erwartete einen gemütlichen Abschlusstag, immer am Meer entlang nach Süden zum Cap de Creus, aber die zerklüftete Küstenlinie mit steilen Hängen hält noch einmal 1000 Höhenmeter für mich bereit. Auch wenn das Naturschutzgebiet um Cap de Creus viele interessant-karge Eindrücke bietet, gehört diese letzte Etappe nicht zu meinen Lieblingsetappen. Eine Schlusseuphorie will sich bei mir nicht einstellen, wohl eher eine gewisse Abschieds-Sentimentalität vom GR11. Gegen Nachmittag stehe ich dann am östlichsten Punkt Spaniens und bin glücklich am Ziel zu sein und etwas stolz auf den vollständig zurückgelegten Weg. Abgesehen davon überwiegt die Müdigkeit und das Gefühl der Leere. Das kurze Bad im warmen Mittelmeer verkommt zur Pflichtmaßnahme bevor mich der Regen vertreibt. Es passt zu meiner Melancholie, dass ich mich nicht nur am Cap, sondern auch in Port Lligat, der Stadt Salvador Dalís, vor dem Regen verkrieche. Mit Busverbindungen und Zügen fahre ich noch abends nach Barcelona, wo ich kurz vor Mitternacht Eric wiedertreffen werde. Im Moment des Augenblicks ärgere oder schäme ich mich fast dafür, dass dieser Abschlusstag nicht glorreicher, freudiger oder irgendwie monumentaler von statten geht. Im Nachgang empfinde ich es als vollkommen gerechtfertigt, dass ein kleiner felsiger Naturpark am Mittelmeer nicht die gesammelten Eindrücke einer 4-wöchigen Pyrenäenwanderung überstrahlt. Es erscheint mir nun richtig sich melancholisch von diesem Projekt zu trennen, fehlt mir doch mit einem Schlag das Motiv, welches mich mehr als 800km weit angetrieben hatte. Der viel zitierte Spruch, nach welchem der Weg das Ziel sei, verkommt im Alltag zur Plattitüde. Aber wenn Weg und Ziel so buchstäblich vor einem, beziehungsweise hinter mir liegen, dann erfasst man besser was damit gemeint ist.

Ohne vorher zu wissen mit welchen Gefühlen ich diese Wanderung beenden würde, hatte ich unwissend vorgesorgt, meiner Spanienreise einen würdigen Abschluss zu verschaffen. Schon bei meiner Rückreise vom Cap de Creus nach Barcelona merke ich, wie ungewohnt mir Menschen und Städte geworden sind. Nicht in extremem Maße bin ich überfordert, schließlich hatte ich Kontakt zu vielen Personen und habe die letzten Nächte allesamt in Unterkünften geschlafen. Dennoch sind alle Gerüche etwas zu intensiv, Geräusche zu laut und Menschen stehen und sitzen für meine Empfindung zu eng beieinander. Ich bin froh bei Eric eine private Unterkunft für meine drei Tage in Barcelona zu haben. Neben der üblichen Tourismus-Bummelei in der Innenstadt (ich mache hier noch ein paar Zusatzkilometer), erlebe ich kurz vor dem Unabhängigkeitsreferendum spannende und diskussionsreiche Tage. Viel weniger Diskussion bedarf ein letztes Highlight der Reise, welches mich im Stil einer Konfrontationstherapie wieder in die Zivilisation zurückholt. Einen Tag vor meiner Abreise aus Barcelona findet im Estadio Olimpic ein Rolling Stones Konzert statt. Die günstigen ‚Lucky Dip‘ Tickets besitze ich bereits seit April und die Vorfreude ist daher riesig. Eric begleitet mich auch hier und wir feiern erst die Altmeister des Rock ’n Roll und dann weiter bis in die frühen Morgenstunden. Erst zu Hause erhole ich mich von Wanderung und Übermüdung gleichermaßen und habe das Gefühl einem Drogenrausch zu entsteigen, wenngleich ich beteuere, dass die härteste Droge dieser Reise spanisches Bier war!

Nebelzüge „versperren“ das Tal
diffuser Sonnenaufgang bei den Aguas Tuertas in Aragon
am Collado de Tebarray mit Blick nach links auf den Cuello de l’Infierno

Nachbemerkung

Alle Leser, welche bis zum Schluss durchgehalten haben, möchte ich bitten: lasst euch die Pyrenäen nicht entgehen. Ich hoffe, ich habe euch den Mund wässrig und vor allem die Füße unruhig werden lassen. Ob auf dem GR11, oder abseits gekennzeichneter Pfade, ob den GR11 am Stück oder auf mehrere Reisen aufgeteilt… die Pyrenäen halten so viel für euch bereit, dass Platz für Alle ist. Es müssen manchmal keine Interkontinentalflüge sein, wenn man bedenkt welche unglaublichen Landschaften Europa für uns bereithält. Und für den Fall, dass ich Nachahmungsgefühle geweckt haben sollte, sei angemerkt, dass der sehr gute Rother Wanderführer 44 Etappen vorsieht. Dabei wären folglich im Durchschnitt etwa 19km und reichlich 1000 Höhenmeter pro Tag zu überwinden, was mit minimaler Vorbereitung für jeden erfahrenen Wanderer möglich ist. Meine Version der GR11 Begehung in 27 Tagen erreichte ein durchschnittliches Tagespensum von 31km und 1700 Höhenmetern. Mein letzter persönlicher Rat ist, die eigene Geschwindigkeit so zu wählen, dass man keine Pausentage benötigt und dafür jeden Tag aufs neue Lust verspürt loszulaufen und die Natur zu erkunden. Denn genau das war für mich die eigentliche Magie dieser Langstreckenwanderung – sich einzulassen auf die tägliche Routine des Wanderns und Freund zu werden mit der Monotonie des Gehens. Wenn man bereits nach der letzten Etappe das Weiterlaufen am nächsten Morgen vermisst, dann ist es gut gewesen!

ein erfrischendes Bad auf 2400m Höhe
Rückblick auf den verschneiten Nationalpark ‚Aigüestortes‘

Folgende Etappen habe ich im September 2017 zurückgelegt (nummeriert nach Wandertagen):

00 – Anreise zum Cabo Higuer
01 – durch Hondarribia und Irun nach Bera de Bidasoa
02 – nach Elizondo
03 – über Puerto de Urkiaga zur Albergue Sorogain
04 – über Auritz und Orbara nach Hirriberi/Villanueva
05 – zum Campingplatz in Ochagavía
06 – bis hinter Izaba
07 – vorbei am Campingplatz Suriza zu den Aguas Tuertas (Selbstversorgerhütte)
08 – über Candanchu bis fast nach Sallent de Gallego
09 – über Sallent de Gallego bis fast nach Baños de Panticosa
10 – vorbei an Baños de Panticosa zum Campingplatz Valle de Burajuelo
11 – über Bujaruelo über das Refugi Góriz zu den ‚Fuente Blanca‘
12 – über den Coll de Añiscolo, vorbei am Refugi Pineta zum Refugi Estiva
13 – über Parzan bis zu den Bordas de Lisiers
14 – vorbei am Refugi Viados und dem Refugi Estós zum Campingplatz Aneto
15 – vorbei am Refugi Coronas fast bis zum Refugi Conangles
16 – über das Refugi dera Restanca zum Refugi Colomers
17 – vorbei am Refugi Ernest Mallafre, über Espot nach La Guingueta d’Àneu
18 – über Estaon und Tavascan nach Àreu
19 – über das Refugi und den Port Baiau nach Arans (Cortinada)
20 – durch Encamp zum Refugi de l’Illa
21 – vorbei am Refugi Malniu bis nach Puigcerdà
22 – vorbei an Planoles bis zum Santuari de Núria (Jugendherberge)
23 – über Setcases und Mollo nach Beget
24 – vorbei an der Ermita de Sant Agniol bis nach Albanyà
25 – über Vujol bis oberhalb von La Jonquera zur Ermita de Santa Llúcia
26 – über Requesens, Els Villars, Mas Pils und Vilamaniscle nach Llançà
27 – durch Port de la Selva zum Cap de Creus (per Anhalter nach Port Lligat)

ein winterlichter Weg zum Portella de Baiau
wieder zurück im mediterranen Klima
am vorletzten Tag der Tour – selbst die enge Lauf-Tight rutscht inzwischen
… endlich am Cap de Creus
überreizte Sinne in Barcelona
krönender Abschluss im Estadio Olimpic